Ein Müßlein von Krebsen.

Aus: Kunst und Wunderbüchlein (1631), Kapitel 02, S. 45
Diätetische Verwendung:

Originalrezept:

Von höflichen Farben machs also ohn schaden: Nim gute Milch vnd Kornblumensafft / klopffs vnd temperiers durcheinander / thu auch schönes Meel darzu / vnnd temperiers noch baß / bereit die Krebs gar wol / wirff nur die Gall auß dem Haupt / so mag= stu sie stossen mit Wein bereit / oder mit schalen vnd allem / thu weiß brodt darunter / truck es durch ein Tuch / mache es ab mit Würtzen vnd Saltz / thu es in ein Müßlin / vor gezworen mit Mehl vnd Honig / temperiers wol mit eim Löffel / ist es vor nicht ab= gemacht mit Würtzen vnd saltz / so mach es ab. Ist es zu dick / so mehre es mit Milch zu rechter maß / thu es in ein feiste Pfann / laß sieden als ein Kindermuß / wilt du es warm geben / je mehr gestossener Krebs in dem Müßlein seyn / je besser zu guter dicke / vnd but= ter darauff gestreuwet vnd Imber / setz also für / das helt gut dauwung. Wilt du es kalt geben / so soll das [S. 46] Müßlin mit Wein oder Essig gemacht werden / oder die Krebs sollen mit Wein oder Essig gestossen oder durchtrieben werden. Dasselbig mit einem steublein Mehls ein Müßlin gemachet / vnnd abbereitet mit Würtz vnd saltz / darein gelegt die gute(n) grossen Krebs / schwentz vnd scheren allein / wol erkaltet / gibs also für ein Gebratens / ein seltzams Essen.

Fisch / Krebs / vnd allerley speiß / so da ist kalter Natur / auch Milch vnd Wasser / muß man mit Würtzen abtemperiren. Aber kra(n)cke Leut / heisser Na= tur / bedörffen nicht Würtzen / noch viel saltz / dann jhr Gebrech mehret sich darvon. Auch guter starcker Wein vngemischt mit Wasser / verderbt sie. Erken(n)est du dein Natur / so erkennest du auch was wider dein Natur ist / darnach bereit dein Essen. Einem Men= schen der kalter Natur ist / schadet alles das da kalt vnd schleimig ist / als Fisch / je feister / je schädlicher sie sind / er mach oder bereit sie wie er wöll. Isset er dann Fleisch vnd trincket Wasser darzu / so vberfället jhn das Fieber. Also auch die verdorbenen / zehen vnd ge= machten Wein bringen den Todt. Hierumb gedenck / wie dein Essen vnd Getränck bereit soll werden / vnd was deiner Natur zugehört. Der lang leben / vnnd rechte Vernunfft haben will / der neme sein selbst war / jederman nach seinem stand / nach dem die vier Com= plexion von Gott in den Geschöpffen geordinieret sind / heiß / kalt / trucken vnd naß. Doch hilfft man der Natur mit Artzeney. Vnd der Frauwen Heimligkeit grössert in Vnmessigkeit / in vnordentlichen Werck= en / darumb müssen jhr viel sterben.

Anmerkung:

  • „temperiers noch baß“ = misch es noch besser
  • „vor gezworen“ = davor abgerührt (von zwieren)
  • „in ein feiste Pfann“ = in eine gefettete Form
  • „das helt gut dauwung“ = das hält die Verdauung in Schwung
  • „der Frauwen Heimligkeit“ = der weibliche Unterleib bzw. die Geschlechtsorgane

Die kurze Abhandlung im Anschluss an das Rezept befasst sich mit der antiken Humoralpathologie oder Vier-Säfte-Lehre: der griechische Arzt Galen teilte die Menschen in vier Kategorien ein, je nachdem, welche Säfte im Körper vorherrschen (Blut, gelbe und schwarze Galle, Schleim). Auch der Körperbau des Menschen und sein Temperament waren Gegenstand von Kategorisierungen antiker Ärzte und Philosophen. Voraussetzung für optimale Gesundheit war für Galen ein Gleichgewicht der Körpersäfte, welches durch entsprechende Ernährung (wieder)hergestellt werden kann. Wird dies nicht berücksichtigt, drohen Krankheit und sogar früher Tod.
Durch Paracelsus, der die Humoral-Lehre im 16. Jh. als zu einseitig heftig kritisierte und in der Alchemie den Schlüssel zur Heilung von Krankheiten sah, verlor sie ab dem 17. Jh. zusehends an Bedeutung. Balthasar Schnurr, der Verfasser bzw. Herausgeber des „Kunst- und Wunderbüchleins“ von 1631, übernimmt jedoch kritiklos die Rezepte und die warnenden Hinweise der Humorallehre aus dem Buch „Koch und Kellermeisterey“ von 1547. Dieses wiederum stützt sich auf die ersten Drucke handschriftlicher Rezeptsammlungen, die nach Gutenbergs Erfindung ab Ende des 15. Jhs. große Verbreitung fanden und immer wieder nachgedruckt wurden. Mit anderen Worten, die vorliegenden Rezepte haben bereits eine jahrhundertelange Tradition.

Die Konstitutionslehre des indischen Ayurveda stellt interessanterweise ein ähnliches Konzept wie die Humorallehre dar und hat in Europa vor einigen Jahrzehnten viele Anhänger gefunden, die ihre Ernährung entsprechend gestalten.

Transkription:

Andrea Sobieszek

Zitierempfehlung:
Andrea Sobieszek (Transkription): "Ein Müßlein von Krebsen.", in: Kunst und Wunderbüchlein (1631), Kapitel 02, S. 45,
online unter: https://gastrosophie.sbg.ac.at/kbforschung/r-datenbank/?rdb_rezepte=ein-muesslein-von-krebsen (28.01.2022).

Datenbankeintrag erstellt von Andrea Sobieszek.